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Zwei Generationen in der Therapie

Seit 20 Jahren Kinder im Betreuungsnetz des Vereins für umfassende Suchttherapie im Ulmenhof, Ottenbach

Das neueste Infomagazin "akut" des Vereins für umfassende Suchttherapie "Die Alternative" informiert über den nicht einfachen Weg, den die Verantwortlichen mit ihrem Modell "Zwei Generationen in der Therapie" gegangen sind und über die aktuelle prekäre Finanzsituation im Rahmen der Sparmassnahmen des Kantons.

Von Ernst Schlatter


Als vor 20 Jahren erstmals auch Kinder, deren Eltern in der sozialtherapeutischen Gemeinschaft Ulmenhof sich einer Drogentherapie unterzogen, ins Betreuunsgnetz aufgenommen wurden, schüttelten damals viele - auch in der Fachwelt - den Kopf über soviel "Unverstand" und manche sahen die Kleinen bereits als zukünftige Drogenkonsumenten.
Spätestens seit einer "Quer"-Sendung des Schweizer Fernsehens im Herbst 1996 wurde auch auf der offiziellen Ebene diskutiert, ob der Bedarf für das Zwei-Generationen-Betreuungsprojekt nicht ausgewiesen sei. Endlich gelang es - dank der Medienpräsenz - das Thema der versteckten, vergessenen und traumatisierten Kinder prominent in der Öffentlichkeit zu platzieren.

Zwei-Generationen-Modell: heute von der Fachwelt anerkannt

Das Zwei-Generationen-Modell findet heute weit über die Kantonsgrenzen hinaus Anerkennung. In unterschiedlichen Fachkreisen, die dem Kinderschutz verpflichtet sind, wird das Modell der "Alternative" als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Das war jedoch nicht immer so. Noch vor 10 Jahren fanden unbetreute Kinder auf der Gasse fast keine Beachtung. Die Suchtfachleute hatten sich auf eine erwachsene Klientel eingestellt, die Kinderbetreuung wurde zur Privatsache der betroffenen Konsumenten herabgewürdigt und verdrängt. Spektakuläre Medienberichterstattungen im Stile von "Drogenmutter liess Neugeborenes verhungern", beschrieben lediglich in tragischer Zuspitzung, was unbetreuten Kindern auf der Gasse täglich widerfährt.
Es brauchte von der Seite der "Alternative" erhebliche Anstrengungen in Öffentlichkeits- und Weiterbildungsarbeit, bis das heutige Niveau erreicht werden konnte.

Es bleibt noch viel zu tun

"Einiges wurde bewegt, vieles bleibt noch zu tun", so Peter Burkhard, der Gesamtleiter der Alternative im Infomagazin "akut" Nr. 8. Und weiter: "Gerade bei Kindern Drogen konsumierender Eltern wird zu lange gewartet bis gehandelt wird. ( ) Die Gefahr besteht darin, dass das Kind nur als Anhängsel der zu therapierenden, zu betreuenden Mutter wahrgenommen wird oder, dass aus einer falsch verstandenen Loyalität, das Kind als "Therapeutikum" für die Mutter missbraucht wird. Neuerdings nehmen verschiedene Therapiegemeinschaften, um ihr Haus zu füllen, auch Mütter mit Kindern in die Therapie auf, ohne dass ein fachlich qualifiziertes Konzept, die notwendigen Institutionsstruktur und die Mittelplanung für die betroffenen Kinder vorhanden sind."

Nachfrage grösser als Angebot


Die "Alternative" kann im eigenen Betreuungsnetz von der kurzfristigen Notfallplatzierung, über die durchgehende Sicherstellung des Kinderschutzes und der altersadäquaten Förderung bis zur langfristigen Begleitung in den Integrationswohnungen, den fachlichen Anforderungen entsprechen. Nur quantitativ entspricht das Bereuungsangebot bei weitem nicht der Nachfrage. "Es ist zwar mehr, als der berühmte Tropfen auf den heissen Stein, aber noch zu wenig, um vom Not wendenden Angebot sprechen zu können."

Finanzielle Engpässe

Wie lange aber die "Alternative" finanziell den Schnauf behält, weiterhin dieses vorbildliche Therapieangebot anzubieten, ist im Moment sehr fraglich: Zwar redet Regierungsrat Jeker in seinem Brief vom 1. Juni der Leistungsfinanzierung das Wort, macht aber keinerlei Angaben darüber, wie diese organisiert werden soll.
Ein weiterer Rückschlag war kürzlich aus dem Zürcher Justizdepartement zu erfahren: Um mit der Sozialdirektion gleich zu ziehen, wird ab Oktober 2004 nur noch ein Taggeld von 220 Franken, statt wie bisher 330 Franken ausgerichtet werden. Dieser Ansatz - dies ist sich auch Regierungsrat Dr. Markus Notter bewusst - vermag die tatsächlichen Kosten nicht zu decken. "Die durch diesen Entscheid verursachten Mindereinnahmen werden anderweitig kompensiert werden müssen."
Nur eben wie?

Suche nach Entlastungsfamilien

Die "Alternative", Verein für umfassende Suchttherapie in Ottenbach sucht immer wieder Entlastungsfamilien/Personen für Kinder von ehemals drogenabhängigen Eltern, bei denen sie einmal im Monat ein Wochenende verbringen können.
Die Entlastungsfamilien übernehmen eine Patenfunktion. Diese Patenfunktion ist freiwillig und basiert häufig auf einem bewussten sozialen Engagement und/oder auch an der Freude, sich einem Kind widmen zu können.
In die Therapie eintretende Eltern haben meist ein kleines Beziehungsnetz. Damit die Kinder Kontakt zu weiteren Bezugspersonen erhalten, wurde das Modell der Entlastungseltern eingeführt. Über die Therapie hinaus, soll damit ein nachhaltiger, langfristiger Kontakt entstehen.
Wenn Sie sich ein Engagement als Entlastungsmutter, - eltern oder - familie vorstellen können oder weitere Auskünfte darüber möchten, melden Sie sich bitte bei Elisabeth Frei, Bereichsleitung Kinder, Kinderhaus TIPI, 8903 Birmensdorf, Telefon 044 777 60 91.
Weitere Informationen unter www.diealternative.ch oder Telefon 01 763 40 80.

(Quellen: "akut", das Infomagazin des Vereins "Die Alternative" Nr. 8/2004) (eschla)

Gestern gesehen
(Ernst Schlatter)

I

Die alte Frau
vor der Alterswohnsiedlung:
wie sie
mit krummen Rücken
und auf einen Stock gestützt
sich noch mehr vor beugt
und behutsam
die verwelkten Blüten
vom Hyazinthen-Strauch
abliest -
mit einem stillen Lächeln
auf ihren blassen Lippen

II

Die junge Mutter
wie sie
ihren kleinen Sohn
zum Rosenbusch hochhält
um miteinander
den Duft
der Rosen
zu riechen

Ernst Schlatter
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