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Arbeitswelt "gestern - heute"

Podiumsgespräch vom 19. September in Obfelden

Artikel: Ernst Schlatter
Siehe auch frühere Themen: Abzockerei als Unternehmenskultur?
Die ökumenische Erwachsenbildung Affoltern und die Erwachsenenbildung der reformierten Kirchen von Mettmenstetten und Obfelden luden unter dem Thema "Kirchengeflüster: Arbeit" zu einem Podiumsgespräch ein.
In seinem Einstiegsreferat kam Pfr. Dr. Christoph Weber von der Fachstelle Kirche und Wirtschaft der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich zunächst auf die Veränderungen der Arbeitswelt in den letzten zwanzig Jahren zu sprechen. Mit einigen Beispielen aus seinem Erfahrungsbereich als Wirtschafts- und Unternehmensethiker machte er deutlich, dass heute niemand mehr wissen kann, wo er morgen oder übermorgen steht. Für fast alle Menschen - Unternehmer wie Arbeitnehmer - ist die Erwartungssicherheit verloren gegangen. Die Dynamik der Entwicklung hat in den letzten 20 bis 30 Jahren enorm zugenommen: Die Produktivität, die Mobilität von Menschen, Material und Kapital ist so grenzenlos wie der weltweite Wettbewerb.

Verunsicherung auf allen Ebenen

Viele Menschen fühlen sich heute verunsichert, bangen um ihren Arbeitsplatz, auch Kaderleute und qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Gründe sind bekannt: Niedergang der klassischen Industrie-Unternehmen in der Schweiz, Liberalisierung und Privatisierung von ehemals stattlichen "Service-Public"-Unternehmen. Diese Verunsicherung kann wiederum in der Politik und am Arbeitsplatz ausgenützt werden. Wer die nötige Flexibilität nicht mehr aufbringt, verpasst den Anschluss.
Eines der Resultate der Auswertung der ökumenischen Konsultation kommt im "Wort der Kirchen" zum Ausdruck, welches die Veränderungen in der Familienlandschaft, den allgemeinen Wertewandel schildert und sich spezifisch zur Frage, in welchem Licht die Bibel die menschliche Arbeit sieht, äussert.

Schlüsse aus dem "Wort der Kirchen"

- Arbeit erschliesst dem Menschen Lebenssinn
- Der Begriff Arbeit soll nicht auf Erwerbsarbeit reduziert werden
- Eine Aufwertung der Haus-, Familien- und Erziehungsarbeit, der freiwilligen und ehrenamtlichen Arbeit ist erforderlich und sollte bei der Anstellung in Unternehmen Anerkennung finden (Sozialzeitausweis)
- Eine neue Kultur der Verantwortung, die andere Werte als nur das Geld hochhält, ist gefordert. Stichwort: Masshalten, nicht mehr den gewohnten Lebensstandard weiter führen wollen oder fordern.

Im zweiten Teil stellte sich das Podium den brisanten Fragen von Dr. Christoph Weber:

- Welchen gesellschaftliche, ethisch-moralischen Grundwerten muten Sie am meisten zu im Hinblick auf die wachsende Verunsicherung?
- Was bieten wir jungen Menschen, was tun wir für sie damit sie den Anschluss ans Leben nicht verpassen? Was bedeutet das für Arbeitgeber und Arbeitnehmer?
- Wie gehen wir mit dem Widerspruch um, dass einerseits das Rentenalter 67 diskutiert wird und andrerseits ältere Arbeitnehmende es immer schwerer haben, eine neue Stelle zu finden? Welche Werte stehen da auf dem Spiel?
- Was verstehen Arbeitnehmende, was Arbeitgeber unter "Familienfreundlichkeit"?
- Wie steht es mit der Gleichstellung, Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Arbeitswelt?
- Welches sind für Sie die wichtigsten gesellschaftlichen Werte, an die Sie sich halten, um zuversichtlich in die Zukunft schauen zu können?

Gut ausgewogenes Podium

Auf dem Podium vertreten waren Susanne Christen, Arbeitnehmende und allein-erziehende Mutter aus Mettmenstetten; Jürg Leuthold, Gewerbeverbandspräsident und Kantonsrat aus Aeugst; Urs Brändle, RAV Affoltern; Werner Fuchs, Affoltern, seit zwei Jahren selbständig im Marketingbereich mit acht Mitarbeitern, früher Leiter der Abteilung Marketing und Koordination beim RAV Arbeitsamt der Stadt Zürich; Andrés Rando, Arbeitnehmervertreter GBI, Schlieren; Hans Rudolf Schweizer, Arbeitgeber, Hedingen.

Viel Verständnis für die andere Seite

Als Quintessenz aus der ausführlichen Fragerunde und aus den Zuhörerfragen aus dem Saal darf wohl gezogen werden, dass bei allen Seiten Verständnis und Respekt für die aufgezeigten Probleme vorhanden sind und auch die Bereitschaft, der jeweiligen anderen Seite zu zuhören, auf sie zu zugehen und miteinander Lösungen zu suchen.

aber auch klare Forderungen

Gefordert wurden aber auch: Offenheit für Kritik, eine gute Streitkultur, Abkehr von der "Schuldzuweisungsgesellschaft" (Werner Fuchs); Schaffung von neuen Anreizsystemen und Verzicht auf das "Todsparen", Erhöhung der Sozialkompetenz beim Kader, unternehmerische Weitsicht und nachhaltige Unternehmensführung (Hans Rudolf Schweizer); Solidarität, Toleranz, Interessenvertreter in den Parlamenten, die den Staat nicht todsparen wollen und solche Forderungen auch vertreten (Andrés Rando); direkte Gespräche zwischen Unternehmern und Gewerkschaften, Möglichkeit zur Übernahme von mehr Verantwortung für das Unternehmen, eine klare Linie in der Erziehung und Begleitung von Jugendlichen (Susanne Christen); Flexibilität, offene Kommunikation, Interesse am Mitmenschen (Urs Brändle); mehr Selbstverantwortung wahrnehmen; mehr politische Anreize für das Gewerbe schaffen, Politik als Dienstleistung für die Gesellschaft und nicht als Arbeit betrachten. (Jürg Leuthold)

Die Kirche hält sich nicht draus!

Der initiativen Gruppe um Ursula Eggenberger, Obfelden war dieser spannende, leider von relativ wenigen Personen besuchte Abend zu verdanken. Vielleicht wird das nächste "Kirchengeflüster" etwas mehr Echo finden, ist doch ein solches Podium der Erwachsenenbildung eine sehr gute Möglichkeit, dass Menschen, die in der gleichen Region wohnen, arbeiten, produzieren und konsumieren, Kontakt zu einander finden, um über wichtige Zeitfragen zu diskutieren.
Die Kollekte am Schluss der Veranstaltung kam der Dienststelle für Arbeitslose in Zürich zugute.
 
Das Podium von links: Hans Rudolf Schweizer, Hedingen; Werner Fuchs; Jürg Leuthold; Dr. Christoph Weber, Gesprächsleiter; Susanne Christen; Urs Brändle; Andrés Rando. (Bild eschla)
Pfr. Dr. Christoph Weber arbeitet bei der Fachstelle Kirche und Wirtschaft.